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Italiens Krise: welche Krise?



An einem Sonntagabend im September mit dem Wagen in Rom anzukommen, ist entnervend. Die Konsularstrassen, die ins Zentrum fűhren, sind noch schlimmer verstopft als sonst. Die jűngste Erhöhung der Treibstoffsteuer scheint spurlos verpufft zu sein.

Wer krisenbedingt einen Rűckgang des privaten Verbrauchs erwartet, sieht sich mit einem Heer neuer SUV-Geländeautos meist deutscher Bauart konfrontiert. Die Taxibranche rűstet gerade auf japanische Hybridmodelle um. Die Smarts scheinen nicht von Daimler produziert zu werden, sondern aus dem Kaninchenstall zu stammen, so rasch vermehren sie sich.

In den Bars und Restaurants geht so fröhlich zu wie immer: ein Land im tiefsten Frieden mit sich selbst, von gelassener, selbstverständlicher Wohlhabenheit. Doch es gibt Änderungen: mehr Műllsammler sind unterwegs, die in den Ama-Containern mit Stangen nach Verwertbarem suchen: eine Klobrille wird gerne mitgenommen.

Man sieht viel mehr Rom als frűher, die in ihren Lieferwagen und Kleinbussen aus Bulgarien und Rumänien unterwegs sind und in manchen Stadtteilen die Hauptkundschaft eines deutschen Discountmarkts bilden. Eine Afrikanerin, die ihr Bűndel auf dem Kopf balanciert, zeigt den Römerinnen, wie man das macht.

Wer, wie in Spanien und Griechenland, hier eine Krise des Immobilienmarkts erwartet, findet wenig Anzeichen vor. Sicherlich, am Markt bewegt sich nicht viel und die Bauindustrie jammert, wie űblich. Aber auf Facebook tummeln sich mittlerweile eine Million meist junge Italiener, die auf neue Weise eine Bleibe suchen, unter Umgehung des offiziellen Markts. Auch wirkt die Flucht in die Sachwerte aus Inflationsangst einer Immobilienkrise entgegen. Untermietezimmer sind in Großstädten heiss gesucht.

Es mag zwar der Europäischen Zentralbank mit ihren Käufen italienischer Staatspapiere nicht gelungen sein, die Finanzmärkte zu űberzeugen: es gelang ihr aber, die italienische Bevölkerung zu beruhigen, dass keine wirkliche Gefahr besteht, den Euro zu verlieren.

Die Krise findet vorerst vor allem in den Medien statt. Die krisengewohnten Italiener lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Man redet zwar weniger freundlich als frűher űber Ministerpräsident Berlusconi, aber, wer weiss, vielleicht wűrde man ihn heimlich doch wieder wählen.

Sein Adlatus und mutmasslicher Nachfolger Alfano hat schon laut gedacht, dass Berlusconi doch noch einmal antreten könnte. Wer denn sonst?

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—— Benedikt Brenner
Update: 23/09

Italiens grösste Tageszeitung, La Repubblica beginnt heute mit 7 Seiten Krise, bevor sie zu ihrem Lieblingsthema Berlusconi-Skandale űbergeht. Die Krise ist also in Italien angekommen. Aber Berlusconi wird dafűr sorgen, dass sie bald wieder vergessen wird.